Der ganz normale Wahnsinn…











{16. März 2014}   Nur so stark, wie das schwächste Glied – Datenschutz

Wir befinden uns auf dem Heimweg von einem Wochenendausflug.
Weil sich ein leichtes Hungergefühl meldet, machen wir Halt an einem Rasthof. Wir bestellen, warten.
Am Nachbartisch klingelt ein Telefon. Ich denke mir nichts weiter, döse ein wenig, beobachte die Vögel am Teich vor dem Fenster und erfahre – ganz nebenbei und halb in Gedanken, wer die Anruferin am anderen Ende ist. Der Mann am Nebentisch nennt seiner Frau Vor- und Zunamen und reicht ihr das Handy weiter. Die Frau entschuldigt sich und teilt der Anruferin mit, warum sie sich nicht gemeldet habe – sie seien unterwegs, denn die Mama sei gestorben.
Ok, denke ich. Das wollte ich jetzt gar nicht wissen. Wieso erzählt man so etwas im öffentlichen Raum? Ich könnte jetzt einfach versuchen abzuschalten und sicher wäre das moralisch sehr korrekt. Ich beginne aber ernsthaft, mich zu fragen, welche privaten Details diese Frau noch so öffentlich macht – und bin am Ende doch ziemlich entsetzt. Mir wird bewusst, dass meine Familie auch mindestens so ein „schwächstes Glied“ in der Datenkette hat.
Innerhalb von zwei Minuten erfahre ich den Vornamen einer anderen Person (vermutlich ihrer Tochter), den Namen ihrer Lehrerin, mit der ein Gespräch ansteht und welche Arbeiten sie in der kommenden Woche schreiben wird, auch persönlichere Aussagen dazu, wie sie die derzeitige Situation meistert. Schlussendlich setzt die Dame dem Ganzen noch die Krone auf, indem sie meint: „Ruf sie doch mal an.“ und der Anruferin die vollständige Telefonnummer durchgibt: Vorwahl von […]/… – laut und deutlich, zum Mitschreiben. Keine Pointe.
Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie viele Optionen von nervig bis kriminell ich jetzt hätte, dieses Mädel und die ganze Familie in den Wahnsinn zu treiben…
Eine Suchmaschine mit diesen Daten gefüttert, würde mir sicher noch einiges mehr verraten und sei es nur die Schule der vermutlichen Tochter. Der Ort übrigens, an dem Kinder und Jugendliche lernen, ihre Daten zu schützen, ihre Adressen und Telefonnummern nicht an Fremde weiterzugeben. – Wer schult eigentlich die Eltern?

Unsere Eltern (Generation Ü50) unterschätzen den öffentlichen Raum, sie unterschätzen die Macht und die Geschwindigkeit der Medien und die Menschen, die beides zu nutzen wissen. Sie haben „nichts zu verbergen“, weil sie sich nicht vorstellen können, was jemand mit ihren Daten (und denen ihrer Kinder) schon anfangen sollte.
Sie belächeln Enthüllungen von Überwachung und zucken darüber mit den Schultern. Sie sind naiv.

Ich schreibe nur einen Blog darüber. Was wohl den Leuten an den anderen umliegenden Tischen einfällt…?

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