Der ganz normale Wahnsinn…











Wir befinden uns auf dem Heimweg von einem Wochenendausflug.
Weil sich ein leichtes Hungergefühl meldet, machen wir Halt an einem Rasthof. Wir bestellen, warten.
Am Nachbartisch klingelt ein Telefon. Ich denke mir nichts weiter, döse ein wenig, beobachte die Vögel am Teich vor dem Fenster und erfahre – ganz nebenbei und halb in Gedanken, wer die Anruferin am anderen Ende ist. Der Mann am Nebentisch nennt seiner Frau Vor- und Zunamen und reicht ihr das Handy weiter. Die Frau entschuldigt sich und teilt der Anruferin mit, warum sie sich nicht gemeldet habe – sie seien unterwegs, denn die Mama sei gestorben.
Ok, denke ich. Das wollte ich jetzt gar nicht wissen. Wieso erzählt man so etwas im öffentlichen Raum? Ich könnte jetzt einfach versuchen abzuschalten und sicher wäre das moralisch sehr korrekt. Ich beginne aber ernsthaft, mich zu fragen, welche privaten Details diese Frau noch so öffentlich macht – und bin am Ende doch ziemlich entsetzt. Mir wird bewusst, dass meine Familie auch mindestens so ein „schwächstes Glied“ in der Datenkette hat.
Innerhalb von zwei Minuten erfahre ich den Vornamen einer anderen Person (vermutlich ihrer Tochter), den Namen ihrer Lehrerin, mit der ein Gespräch ansteht und welche Arbeiten sie in der kommenden Woche schreiben wird, auch persönlichere Aussagen dazu, wie sie die derzeitige Situation meistert. Schlussendlich setzt die Dame dem Ganzen noch die Krone auf, indem sie meint: „Ruf sie doch mal an.“ und der Anruferin die vollständige Telefonnummer durchgibt: Vorwahl von […]/… – laut und deutlich, zum Mitschreiben. Keine Pointe.
Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie viele Optionen von nervig bis kriminell ich jetzt hätte, dieses Mädel und die ganze Familie in den Wahnsinn zu treiben…
Eine Suchmaschine mit diesen Daten gefüttert, würde mir sicher noch einiges mehr verraten und sei es nur die Schule der vermutlichen Tochter. Der Ort übrigens, an dem Kinder und Jugendliche lernen, ihre Daten zu schützen, ihre Adressen und Telefonnummern nicht an Fremde weiterzugeben. – Wer schult eigentlich die Eltern?

Unsere Eltern (Generation Ü50) unterschätzen den öffentlichen Raum, sie unterschätzen die Macht und die Geschwindigkeit der Medien und die Menschen, die beides zu nutzen wissen. Sie haben „nichts zu verbergen“, weil sie sich nicht vorstellen können, was jemand mit ihren Daten (und denen ihrer Kinder) schon anfangen sollte.
Sie belächeln Enthüllungen von Überwachung und zucken darüber mit den Schultern. Sie sind naiv.

Ich schreibe nur einen Blog darüber. Was wohl den Leuten an den anderen umliegenden Tischen einfällt…?



{5. März 2010}   Test, Test, Test…

Zwischen Prüfungswahn und Fachliteratur muss man auch hin und wieder was Simples tun, um nicht durchzudrehen und die Finger mal wieder für was anderes als zum Tippen und Seitenumblättern zu bewegen – zum Beispiel Wäschewaschen.

Nun ist ja allgemein bekannt, dass viele Wäschestücke immer empfindlicher werden – vor allem, wenn man nicht so gern das gleiche T-Shirt von der Stange trägt, mit dem schon 100 andere in der Gegend rumlaufen. Da hat man dann schonmal einiges an Handwäsche rumliegen – wenn nicht das, dann zumindest jede Menge 30°-Wäsche.

Ebenfalls hinreichend bekannt dürfte sein, dass bei solchen Temperaturen Bakterien beste Überlebenschancen haben. Allerdings – so zumindest wissenschaftliche Theorien – begünstigt übermäßige Bekämpfung von Bakterien auch die Entstehung von Allergien. Fragt sich nur noch, wann übermäßig anfängt.

So stehe ich also zwischen diesem Wissen und meiner geliebten Feinwäsche und überlege manches Mal, ob da bei der Handwäsche wirklich alles rausgeht, was rausgehen soll… und während ich so nachdenke, flattert eine Mail für ein Testprodukt ein: Persil Hygienespüler. Soll ich oder soll ich nicht? Ich denke an meinen Blogeintrag zur Schweinegrippe (ja ja, Viren soll es auch bekämpfen..) und die S-Bahnfahrten in Berlin, die sicher noch andere unerwünschte Minigäste auf meine Kleidung befördern und denke… ich probier’s vielleicht einfach mal aus. Berlin lässt bestimmt auch so noch genug Bakterien für mich übrig…

——

Inzwischen ist mein Testpaket angekommen und ich bin angenehm erfreut, dass das Mittelchen nicht so penetrant riecht wie befürchtet. Nach dem Waschen ist kaum noch was davon zu merken. Panische Tendenzen hingegen fanden sich in den Hygienetipps der beiligenden Broschüre: „Regelmäßig die Behälter für die Schmutzwäsche reinigen“? – Man kann schon ein bisschen übertreiben, oder?

Leichte Bedenken habe ich nach wie vor bei der Verwendung solcher Mittel. So steht die vermehrte Verwendung von Desinfektionsmitteln im Privatbereich im Verdacht für die Bildung resistenter Bakterien mitverantwortlich zu sein (Quelle). Eine Überlegung die sich sicher nicht so einfach von der Hand weisen lässt. Ich werde mich also darauf beschränken den Hygienespüler für meine Handwäsche und im Krankheitsfall zu nutzen und nicht für meine ganze Wäsche unter 60° – eine Kompromissentscheidung – mit den meisten meiner Bakterien habe ich mich schließlich bisher auch ganz gut vertragen. Ich halte aber Augen und Ohren offen, auf welcher Seite man am Ende richtig liegt.

Bis dahin möge jeder selbst entscheiden, welche „Gefahr“ die Geringere sein mag.
(Für Links zu wissenschaftlichen Studien hierüber wäre ich sehr dankbar!)

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Vor einigen Monaten geht es langsam los. Meine Mutter erzählt von den Nachbarssöhnen, die, die Schweinegrippe herausfordernd, nach Spanien in den Urlaub fahren: „Wir holen uns die Schweinegrippe ab“, steht auf ihren selbstgemachten T-Shirts. Geleitet von der Hoffnung, dass der Schweinegrippevirus kein Deutsch versteht vielleicht. Zurück zu Hause kurieren sie jedenfalls erstmal ihre Schweinegrippe aus.
Eine Weile später erfahre ich von Pandemieplänen im Gesundheitswesen. Noch bleibe ich ruhig. Meine Eltern wohnen weit genug weg. Keine Schweinegrippe bei mir in der Nähe.
Vor ein paar Wochen dann, erhalte ich einen Anruf von einer Freundin – das Gesundheitsamt habe ihr nach einem Test beim Hausarzt telefonisch mitgeteilt, dass sie an Schweinegrippe erkrankt sei. Sie erzählt, es ginge ihr gar nicht so schlecht und sie sei am Vortag noch auf einer Party gewesen. Allmählich wird mir komisch… Wie viele Menschen gibt es noch, die gar nicht merken, dass sie diese Grippe haben und sie so unbewusst verteilen? Ich denke über Impfung nach und verfolge entsprechende Berichte in den Medien. Mit Unbehagen stelle ich fest, dass die Sache mit der Impfung ein zweischneidiges Schwert ist. Ungeklärte Krankheitsfälle, die Zeitung berichtet von einem Impftoten (ohne Vorerkrankungen wohlgemerkt). Ja, wie macht man es denn nun richtig? Schützt man sich jetzt besser vor der Grippe oder vor diesem vieldiskutierten Impfstoff? Ich beschließe abzuwarten.

Inzwischen liest man überall davon. Beim Einkauf in der örtlichen Drogerie lese ich die Werbung eines bekannten Herstellers für antibakterielles Hygienespray – „Vernichtet auch den H1N1-Virus“. Interessant. Ich gehe kopfschüttelnd daran vorbei, während ich mich frage, was ich nach Meinung des Herstellers wohl damit einsprühen soll. Die eigene Wohnung? Wenn der Virus dort ist, dann weil ich ihn eingeschleppt habe – was soll ich dann noch mit dem Spray? Oder soll ich es vielleicht mitnehmen zur Arbeit, in die S-Bahn und zu meinen Freunden? „Entschuldigung, aber hier könnte ja ein Schweinegrippevirus sein. – *pssss-pss*“? Das Ganze kommt mir vor wie unglaublicher Irrsinn. Und dennoch: Ich merke, wie ich jeden skeptisch anschaue, der in meiner Nähe hustet oder niest und wie ich mich frage, wieso der nicht zu Hause bleiben kann mit seiner Seuche.

So langsam beginne ich, mir wirklich Gedanken zu machen, schließlich steigen die Zahlen der Infizierten und schließlich wohne ich in Berlin, so viele Menschen – so ein Seuchenherd… und ich fange wieder an, im Netz nach einer Antwort zu suchen. Ich finde bestätigt, was sich inzwischen rumgesprochen hat: Eigentlich weiß man nicht so genau, ob eigentlich die Schweinegrippe gefährlicher ist oder der bei uns verfügbare Impfstoff (Quelle) und frage mich: Ist die Idee, statt einer Impfung mit ungewissem Ausgang, das Tragen eines Mundschutzes zu empfehlen, eigentlich sehr abwegig oder nur zu simpel?

Egal, mir reicht’s. Erstmal nachsehen, wie viele es überhaupt betrifft… Auf der Suche stoße ich auf den Blog von Tobias, der in einem älteren Beitrag schreibt: „Sie wohnen in Berlin und fahren täglich mit der S Bahn zur Arbeit und essen in der Betriebskantine, willkommen im Virenland!!!“ Na danke… jetzt fühl‘ ich mich besser.

Ich suche nach Zahlen und werde fündig:
Berlin hat etwas mehr als 3,4 Mio Einwohner und täglich werden mehr als 2,4 Millionen Personen durch die Berliner Verkehrsbetriebe befördert. Bis Mitte Oktober waren 670 Menschen in Berlin an der Schweinegrippe erkrankt. (Moment, mehr nicht? Das klingt doch gar nicht so schlimm im Vergleich zur Einwohnerzahl?) Bei einer Zahl von gut 40 Neuerkrankungen pro Woche sind wir inzwischen vielleicht bei knapp 850 Erkrankten. Selbst wenn wir von einer großzügigen Dunkelziffer ausgehen und der Einfachheit halber mit 1000 Fällen rechnen, dann sind das nur 0,029% der Einwohner von Berlin und theoretisch 0,042% der Bus- und Bahnfahrer – vorausgesetzt die Erkrankten gehören tatsächlich zu den Nutzern öffentlicher Verkehrsmittel und liegen nicht im Bett – schließlich haben sie ja eine Grippe. Und überhaupt – sind aus diesen Zahlen eigentlich die bereits wieder gesundeten Fälle rausgerechnet oder ist es Dank fortlaufender Addition gar kein Wunder, dass die Zahlen steigen?

Na fein. Ich lehne mich zurück und lasse Ruhe einkehren… Die Gefahr, in Berlin aufgrund von (Schweinegrippe-)Paranoia einen Kreislaufzusammenbruch zu erleiden, scheint höher, als an der Schweingrippe zu erkranken – und bei ca. 500000 Straftaten sowie über 100000 Verkehrsunfällen mit Personenschaden, denen man beispielsweise in dieser Stadt jährlich zum Opfer fallen kann, hat sich das Gesamtrisiko durch die Schweinegrippe doch nur unwesentlich erhöht. Bleibt doch eigentlich alles beim Alten…



et cetera